Unter silbernem Mond

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Kapitel 2½ – Unter silbernem Mond

Für:
Möwenwinkel Verlag

Möwenwinkel schlief. Der Leuchtturm zog ruhig seinen letzten Kreis durch die Nacht, und der Mond stand hell über den Hügeln. Sein Licht legte einen silbernen Streifen auf das Wasser, der hinaus zur Sandbank führte. Sol ruhte fest im Hafen, still und wachsam selbst im Schlaf, als würde er auch träumend darauf achten, dass alles an seinem Platz war. Luma schaukelte weich neben ihm, warm und beschützend in ihrer Ruhe, als läge selbst in ihren Träumen ein sanftes Lächeln. Mio hatte sich ein wenig quer gelegt.

„Wenn ein Seestern fünf Arme hat“, murmelte er im Schlaf, „kann er dann fünfmal gleichzeitig winken?“

Er wartete nicht mehr auf eine Antwort. Sein Atem wurde wieder gleichmäßig.

Felix schlief ruhig. Eine kleine Welle pochte sacht gegen seinen Rumpf – nicht laut, nicht ungeduldig, eher wie ein leises Erinnern.

Die Möwen waren natürlich wach. Sie standen ordentlich nebeneinander auf den Pfählen am Kai und sahen über das glitzernde Wasser.

„Das Mondglitzern ist heute ungewöhnlich stark“, stellte eine fest.

„Ungewöhnlich starkes Glitzern fällt unter Verordnung 3b“, sagte die größte wichtig.

„Was besagt 3b?“

„Alles, was länger als drei Flügelschläge funkelt, ist als bedeutend einzustufen.“

„Wie viele Flügelschläge sind drei?“

„So viele wie nötig.“

Kurzes Schweigen.

„Dann zählen wir.“

Sie blickten ernst aufs Wasser und nickten schließlich sehr zufrieden, als hätten sie eine hochkomplizierte Angelegenheit erfolgreich geregelt.

Sofia jedoch konnte nicht schlafen. Der Mond war heller als sonst, und sein Licht führte hinaus zur Sandbank wie ein stiller Weg. Oft fuhr sie am frühen Morgen dorthin, wenn das Meer noch atmete. Doch heute war es der Mond, der sie rief. Kein Geräusch. Kein Wort. Nur ein Wissen.

Sie löste sich leise aus dem Hafen. Als sie am alten Netz vorbeiglitt, das im Mondlicht hing und nach Salz und alten Geschichten roch, blieb sie einen Augenblick langsamer. Felix hatte oft lange darauf geschaut, als würde er durch die Maschen hindurch weitersehen. Sie hatte ihn dabei beobachtet und nie ganz verstanden, was er darin fand – nur, dass es für ihn mehr war als ein Netz.

Das Meer hatte sich bereits ein Stück zurückgezogen, als sie die Sandbank erreichte. Der nasse Sand glänzte silbern. Wellen liefen leise darüber hinweg. Eine nahm eine kleine Muschel wieder mit. Eine zweite rollte zwei helle Schalen zurück ins Wasser. Dann kam eine dritte. Sie blieb einen Atemzug länger. Als sie sich zurückzog, lag dort etwas, das zuvor nicht zu sehen gewesen war.

Eine Muschel.

Weiß. Golden im Mondlicht. Glatt.

Und sie schimmerte – fast durchsichtig, als hätte sie das Licht eingefangen. Eine weitere Welle kam, kräftiger als die anderen. Sie nahm wieder kleinere Muscheln mit. Doch diese eine blieb. Das Wasser glitt über sie hinweg – und zog sich zurück.

Nicht angespült.

Freigegeben.

Auf den Pfählen wurde es still.

„Das überschreitet eindeutig drei Flügelschläge“, flüsterte eine Möwe.

„Dann ist es bedeutend.“

„Bedeutung bestätigt.“

Sie sahen einander an und wirkten ausgesprochen stolz.

Sofia näherte sich langsam. Je näher sie kam, desto klarer wurde dieses Gefühl. Diese Muschel war nicht zufällig hier. Sie war lange im Meer gewesen. Getragen von Strömungen. Verborgen in Tiefe. Nicht alles wird sofort sichtbar. Manche Dinge warten, bis das Meer sie selbst hergibt.

Und bis der Richtige bereit ist.

Als Sofia sie berührte, war da kein Blitz, kein Geräusch. Nur ein leises Erkennen. Diese Muschel war nicht hier, um im Sand zu bleiben. Sie musste weitergegeben werden. Zu jemandem, der weiter blickte, wenn er aufs Meer hinaussah. Zu jemandem, der hinaushörte, wenn andere nur Wind hörten.

Felix.

Sofia wusste es. Nicht, weil sie darüber nachdachte. Sondern weil die Muschel es wusste.

„Zu früh“, brummte plötzlich eine Stimme neben ihr.

Die Chefkrabbe war aufgetaucht und stemmte empört ihre Scheren in die Luft.

„Ich habe hier Nachtschicht. Und jetzt wegen dir auch noch Frühschicht.“

Sie musterte die Muschel kritisch.

„Die war eben noch nicht da. Ich hätte das gesehen. Ich sehe hier schließlich alles.“

Sofia lächelte nur.

Langsam nahm sie die Muschel auf. Im Mondlicht vibrierte sie ganz leicht. Nicht wie ein Herzschlag. Eher wie ein Ton – so fein, dass man ihn nicht hören, sondern nur spüren konnte.

Hinter ihr zog sich das Meer wieder über die Sandbank, als wäre nichts geschehen. Der Mond stand ruhig über Möwenwinkel. Felix schlief weiter, während die kleine Welle noch einmal sanft gegen seinen Rumpf pochte.

Doch etwas war freigegeben worden.

Und das Meer hört zu.

Immer.

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